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Heilige Mathilde |
Pfarrgemeinde am Dom
ZUM HEILIGEN KREUZ
Nordhausen am Harz |
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Autor: Helmut Müller, Regisseur
(+ 2005)
Vor
über tausend Jahren ...
Mathilde,
die erste deutsche Königin, lebte vor über tausend Jahren.
Seit einigen Jahren nun lebt der Mathildenverein zu Nordhausen. Im November 1999
versammelte Frau Julia Grosse-Roge Menschen um sich, welche, wie sie, die Fragen
hatten, Antworten suchten. Warum musste so viel Zeit vergehen? Wusste man nichts
von der Königin? Wollte man nichts wissen?
Weiß
man zu wenig? So wenig wie von ihrer Zeit, dem Hochmittelalter?
Zu
sehen sind Dome, Kirchen, Burgen. Zu lesen ist, was Mönche geschrieben haben.
Urkunden bieten scheinbar Genaues. Wissenschaftler bemühen sich.
Doch
bleiben Dinge, Ereignisse, Personen unklar, verschleiert, wie hinter einem
Nebel.
Nahe
ist nur eine Heiligenfigur der Königin im Dom zum Heiligen Kreuz. Warum nicht
der Mensch Mathilde? Ein weiblicher Mensch. Eine Frau. Dachte sie schon anders
als Männer? Anders als die vielen Männer, welche um sie waren? Das wäre außergewöhnlich.
Vor über tausend Jahren. War sie
eine außergewöhnliche Frau? Warum war sie es? Was brachte sie dazu?
Ist
es möglich, dem Menschen Mathilde näher zu kommen? Kann man sie in unsere
Mitte holen?
Der
Mathildenverein versucht es. Denn Fragen beunruhigen. Fragen verlangen
Antworten. Werden sie gefunden, entstehen daraus neue Fragen. Es wird noch viele
Fragen geben. Es muss alles getan
werden, um viele Antworten zu finden.
(2)
Jn terra summus rex est pro
tempore nummus! Zu gut deutsch: Heute ist auf Erden der höchste König das
Geld! Vor über tausend Jahren schon ging dieser Spruch von Mund zu Mund.
Erscheint er nicht seltsam bekannt? Verändern tausend Jahre so wenig? Oder sind
Goldstücke und Münzen mehr als nur Geld? Verleihen sie nicht Macht? Sicher hat
ein Herzogssohn namens Heinrich, von seinem Vater Otto nicht unbeeinflusst,
schon gewusst, dass Geld auch Macht bedeutet. Hat er deshalb seine Frau
Hatheburg mit kirchlicher Billigung fallen lassen, ihr Erbe aber festgehalten?
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Dieser ostfränkische Heinrich hält dann Ausschau nach einer Braut in
Westfalen. Dort lebt eine kleine Mathilde aus der hoch angesehenen, einflussreichen Sippe des Herzogs Widmkind. Ein Vorbild, dieser Herzog.
Hat er doch tapfer gegen den Sachsen-schlächter Karl gekämpft. Wird der
dreiunddreißig-jährige Heinrich nicht auch kämpfen müssen? Er vermählt sich
sehr rasch mit der vierzehnjährigen Mathilde. Liebe auf den ersten Blick? Oder
eine politische Heirat mit Blick in die Zukunft? In eine Zukunft Heinrichs als
Herzog? Vielleicht sogar als König?.
Was fühlte Mathilde an
seiner Seite? Sah sie die
Annehmlichkeiten der Macht? Die Geborgenheit einer
Burg für sich und ihre Kinder? Oder blickte sie anders als Heinrich auf ihre
Umgebung? Sah Unterdrückung und Ungerechtigkeit?
Diese Frage ist
vielleicht schon eine erste Antwort.
(3)
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Die
wilden Reiterhorden der Ungarn unternahmen vor über tausend Jahren ausgedehnte
Raubzüge in Richtung Westen. Traute man Herzog Heinrich eher zu, mit ihnen
fertig zu werden als Konrad I.? Wurde er auch deshalb 919 zum König gewählt?
Diese Hoffnung schien sich zu erfüllen. Es gelang ihm, im Jahre 926 einen langjährigen
Waffenstillstand durchzusetzen. Doch dem König genügte der damit verbundene
Machtzuwachs nicht. Er wusste, dass es ihn zu sichern, das Reich zu verteidigen
galt. So wurde er zum "Burgenbauer". Bald boten vielerorts Gräben, Wälle
mit hohen Palisaden und feste Tore Schutz. Heinrich ruhte sich auch weiterhin
auf seinen Lorbeeren nicht aus. Es waren unruhige Zeiten. Der König wollte
seiner Königin Sicherheit geben, und seine Nachfolge ordnen. Im Jahre 929
erhielt Mathilde als Schenkung die bereits befestigten Orte Quedlinburg,
Nordhausen, Pöhlde und Duderstadt. Im gleichen Jahr bestimmte Heinrich seinen
Sohn Otto zum Thronfolger. Er wich damit von althergebrachten Regelungen ab. Wie
sah Mathilde diesen ungewöhnlichen Schritt? Wie wird sie die Schenkungen ihres
Gemahls verwenden? Wird sie die damit verbundenen großen Einkünfte lediglich für
Erhaltung und Stärkung der Macht nutzen? Wieder Fragen, die nach Antworten
verlangen.
(4)
„Der
König ist tot! Es lebe der König?“ Wurden diese Worte auch schon vor über
tausend Jahren gerufen? Zumindest gedacht? Vielleicht. Sicher ist, dass König
Heinrich I. am 2.7.936 in Memleben starb.
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Sein Sohn Otto trat sehr schnell die
Nachfolge an. Am 7.8.936 wurde er zum König erhoben. Wollte er vollendete
Tatsachen schaffen? War bisher so manches verborgen geblieben? Wie hinter einem
dichten Vorhang? Dramatische Konflikte, Kämpfe, Irrtümer? Drängten sie nun
ans Licht? König Heinrich hatte althergebrachte Regelungen beiseite geschoben:
Jeder Königssohn ist gleich erbberechtigt. Er hat Anrecht auf einem Teil des
Herrschaftsgebietes. Die Rangfolge seiner Geburt ist von höchstem Wert.
Heinrich, der zweite Sohn der Königin, nahm dies alles für sich in Anspruch.
Es wären seine ureigensten Rechte, so meinte er. Er würde sie nicht aufgeben.
Niemals. Seine Chancen standen so schlecht nicht. Wusste er doch seine Mutter
hinter sich. Wird es zu einem Kampf zwischen den Brüdern kommen? Zu Verschwörungen?
Sogar zu Mordplänen? Viele neue Fragen.
(5)
Das
Wort ,Liebe'
war vor über tausend Jahren recht ungebräuchlich. Die Sippe war
bestimmend für eine Ehe, der Nutzen für die Gemeinschaft.
Selbst bei den leibeigenen Bauern. Ein
kirchlicher Segen war noch nicht vonnöten.
Gab es wirklich keine Liebe? Die innige Verbundenheit zwischen Königin
Mathilde und ihrem Lieblingssohn Heinrich bezeugt das Gegenteil.
Ist sie nicht beinahe zu groß, diese Liebe? Es scheint so, denn dieses
starke Gefühl verdrängt zeitweise sogar das selbstgesetzte hohe Ziel
Mathildes, die sie umgebende Flut von Hunger, Armut und Unwissenheit zum
Versiegen zu bringen.
Sie
denkt
wohl, die großen Einkünfte aus den Schenkungen König Heinrichs nach ihrem
Belieben verwenden zu können. Auch zur Unterstützung ihres Sohnes Heinrich. Er
ist für sie immer der wahre König gewesen.
Sie hat ihn im königlichen Gebärgemach zur Welt gebracht. Bei der
Geburt Ottos, des ersten Sohnes und gewählten Königs, war ihr
Gemahl noch
Herzog. Die Königin wird hin- und
hergerissen zwischen ihren so klar
erkannten Vorsätzen und dem eigennützigen
Machtstreben Heinrichs. Wird sie aus diesem großen Zwiespalt herausfinden?
(6)
‚Brudermord’.
Ein böses Wort. Oder wurde es vor über
tausend Jahren kaum verwendet,
wenn es um angemaßte Rechte in Machtkämpfen
ging? Wie
versucht der Lieblingssohn Mathildes
sich vor seinem Bruder Otto reinzuwaschen, als die Mordpläne misslungen waren?
Als Heinrich, besiegt und verwundet, Otto im Jahre 941 um Gnade bittet? Er
schreckt nicht davor zurück, seine Mutter vorzuschieben. Sie soll alles gekauft
haben, was er zum Kampf brauchte. Mit Einkünften, die ihr nicht zustehen. War
es wirklich so? Oder lügt Heinrich? Doch Otto hört zu. Sein Bruder nutzt den
Vorteil. Die Vergeudung der Mutter gehe weiter. Sogar das Erbe der Brüder sei
in Gefahr. Schließlich verzichtet er endgültig auf den Thron. Nun verzeiht ihm
Otto. Die Freude der Mutter über die Versöhnung ist nur von kurzer Dauer.
Beide stehen ihr bald verbündet und feindselig gegenüber. Sie wird von ihnen
bespitzelt. Ihre Geldboten zu Klöstern, Stiften, Abteien werden abgefangen.
Otto braucht Geld für den Kampf um die Macht des Reiches, für Panzerreiter.
Mathilde lässt sich nicht beirren in ihrem Kampf gegen die Reiter der
Apokalypse:
Hunger, Krankheit, Gewalt, Tod. Es kommt zu einer schlimmen Entscheidung. Königin
Mathilde wird auf ihre Heimatgüter verbannt
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Klosterkirche in Pöhlde |
Auch
vor über tausend Jahren wurde wohl gern Besuch erwartet. Ein wohlbekannter,
lieber Mensch. Oder auch jemand, noch fremd, aber mit heiteren Erfahrungen.
Vielleicht auch mit beunruhigenden? Denkt auch Mathilde so, als sie 952 im
Kloster Pöhlde den Besuchen
ihres vielgeliebten Sohnes Heinrich und ihrer Schwiegertochter Adelheid
entgegensieht? Diese war schon Witwe des lombardischen Königs, als sie
Mathildes Sohn Otto heiratete. Würde sie nicht aus einer anderen Welt sein als
Edgitha, seine erste Gemahlin, der Mathilde die Versöhnung nach Streit und
Verbannung zu danken hat? Wie erwartet plaudert Adelheid südländisch heiter über
Liebe, Land und Leute. Doch unvermittelt auch tiefernst über den Kampf ihres
Gemahls um die Macht in Italien, den sie stets an seiner Seite erlebte, wie auch
sein Bruder Heinrich. Wieder allein, kann Mathilde sein Eintreffen kaum
erwarten. Es ist nach langer Zeit ein trauriges Wiedersehen. Heinrich leidet
bereits seit 941 an einer Pfeilwunde. Ungleich schwerer jedoch belastet ihn die
Reue darüber, dass er seiner Mutter einst Böses antat. Auch dient er nun Otto
treu als Heerführer, doch geht immer wieder Unfrieden von ihm aus. Seine
heilkundige Mutter kann die Schmerzen lindern. Wird sie ihn je von seinen
Selbstanklagen befreien können?
(8)
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Sieg
und Tod liegen auf dem Schlachtfeld dicht beieinander. Ja, das eine bedingt oft
das andere. So war es auch vor über tausend Jahren, als 955 die Ungarn sich
wiederum wie ein hunderttausendköpfiges Ungeheuer auf Bayern und Schwaben
stürzten, und sich am Lech in die Stadt der heiligen Afra verbissen. Würde es
König Otto gelingen, sie zu schlagen, diese Gefahr sogar endgültig vom Reich
zu wenden? Am Abend des 10.August 955 verkündet Bischof Udalrich dem Land den
vollständigen Sieg. Zu Königin Mathilde in Quedlinburg dringen zunächst nur
Gerüchte, welche sie ängstigen. Endlich bringt ein Bote Ottos die Gewissheit.
Der König lebt. Das Heer soll ihn noch auf dem Schlachtfeld zum Vater des
Vaterlandes ausgerufen haben. Doch keine Nachricht von Heinrich! Kämpfte er an
der Seite seines Bruders? Siegte auch er? Diese Fragen lassen der Mutter keine
Ruhe. Erst viel später trifft sie der furchtbare Schlag. In einem Schreiben
teilt ihr Judith, die Gemahlin Heinrichs, seinen Tod in Regensburg mit. Mathilde
bricht zusammen. Sie legt die königliche Kleidung, den Schmuck ab. Von nun an
trägt sie Trauergewänder. Sie zieht sich völlig zurück. Will nichts mehr
hören, niemand mehr sehen. Ist der Verlust zu groß? Sollte das Unmögliche
eintreten und ihr das Lebenswerk aus den Händen gleiten?
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Denkt nicht jeder Mensch oft an
eine Landschaft? Eine Flussbiegung? An ein Haus hinter Bäumen, welches ihm
Geborgenheit empfinden lässt, Vertrautheit, Heimatgefühl? Tauchen nicht sofort
viele Erinnerungen auf, beängstigende auch, doch mehr frohe, beglückende?
Vor über tausend Jahren war es wohl die Burg in Nordhausen, welche für Königin
Mathilde immer mit glücklichen Zeiten, frohen Ereignissen, aber auch mit sehr
viel Trauer verbunden ist. Hier
wurde Heinrich geboren, hier spielte er mit seiner Schwester Gerberga, seinem
Bruder Bruno. Was liegt näher als der Gedanke, hier ein Damenstift zu gründen,
welches sich insbesondere der Bildung junger Frauen widmen soll? Eine Aufgabe,
der Mathilde immer mehr Bedeutung zumisst.
Ihre langjährige Vertraute Richburga ist die erste Äbtissin dieser
Insel der Fürsorge und des Friedens. Wäre es nicht möglich, dass die
Stiftskirche weit in die Zukunft wirkt? Eine große Freude ist es für die Königin,
dass sie mit ihrem Kampf gegen Elend und Unwissenheit nicht mehr allein steht.
Sie muss sich nicht mehr gegen Macht durchsetzen! Ihr Sohn Otto nimmt
sich all ihrer Stiftungen großherzig an. Mathildes Enkel, in Aachen schon zum
Mitkönig gekrönt, verleiht dem Stift zu Nordhausen Markt-, Zoll-, und Münzrecht.
Ist dies nun schon der Höhepunkt
ihres Lebens?
(10)
Ist
nicht die Krönung ihres Sohnes zum Kaiser für eine Königinmutter der Höhepunkt
ihres Lebens? Vor über tausend Jahren versammelt sich die ottonische Familie
nach dem Reichstag zu Köln im Jahre 965 um Mathilde.
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Es ist für sie wohl das schönste
Geschenk, dass sie in ihrem hohen Alter noch die Kraft und Ausstrahlung hat, wie
eine Sonne zu sein, um die sich alle Mitglieder der Familie bewegen. Adelheid
lernt ihre Tochter Gerberga kennen, die Königin des westfränkischen Reiches,
und ihre beiden Söhne Lothar und Karl. Die Verlobung Lothars mit Emma, der
Tochter Adelheids, wird bekannt gegeben. Weitere Hochzeiten werden verabredet.
Mathilde sieht es mit Freude, dass ihre Enkelin die Frau von Adelheids
Bruder Konrad sein wird. Für König Otto II.
ist an eine byzantinische Prinzessin gedacht.
Diese kluge Heiratspolitik wird den Ottonen eine große Zukunft sichern.
Mathilde ist glücklich, dass damit auch ihr Lebenswerk Bestand haben
wird. Sie denkt noch nicht an Tod.
Doch sie weiß, dass ihrer aller Leben nur ein kurzes ist. Ihren Sohn Otto, den Kaiser, beschwört sie:
Das
lange Leben des Reiches sollte der Frieden sein, nicht das Schwert.
Ihr jüngster Sohn Bruno, Erzbischof von Köln, segnet sie. Mathilde
betet mit der Familie.
Dieser Tag ist kein Ende. Er ist
ein Anfang.
Autor: Helmut Müller, Nordhausen, Regisseur
(+2005)
©
Kath. Pfarramt
29. September 2010 |
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